Imelda Arran: Herbstlicht über Huntington Town - Leseprobe

1. Kapitel

New York, Hotel Savoy im Juli 1792

 

Nichts, rein gar nichts deutete an diesem Morgen darauf hin, dass die gediegene Ruhe des Hotels gestört werden könnte. Durch die frisch geputzten Fenster floss das Morgenlicht milde auf den dunkelroten Teppich, ließ die Messingeinfassung der Kuchentheke aufblitzen, in der sich kleine, bunte Köstlichkeiten auf mehreren Etagen aneinanderreihten. Die Schürze und das Häubchen der Büffetdame waren weiß und frisch gestärkt, ihr Lächeln lud ein, bereits zum Frühstück den legendären New Yorker Cheesecake zu essen. Der Oberkellner Mr. Gordon schritt durch den Raum, die eine Hand auf dem Rücken, in der anderen ein Silbertablett mit Teegeschirr, aus dem es nicht nur nach Darjeeling duftete. Seine weißen Handschuhe saßen ebenso tadellos wie seine graue Weste, selbst als er sich vorneigte, um dem Sohn des Bürgermeisters von New York den Tee zu servieren. Dieser schaute von seiner Zeitung auf, dankte dem Oberkellner mit einem kurzen Nicken, las noch ein paar Zeilen, bevor er seine Lektüre zur Seite legte und die Tasse in die Hand nahm. Der Duft befremdete ihn. Trotzdem nahm er einen tiefen Schluck, stutzte, riss die Augen auf und spuckte den Tee zurück in die Tasse, was allerdings nur teilweise gelang. Eine beträchtliche Menge landete auf dem Mahagonitisch. Dies geschah leider nicht geräuschlos, was die Gäste am Nebentisch die Brauen und Lorgnons heben ließ, um die eigenen Tassen skeptisch zu begutachten. Noch während er sich angewidert schüttelte, wischte er sich den Mund mit einer Serviette ab und schaute sich um. Der Oberkellner war am Büffet bereits mit der nächsten Bestellung beschäftigt, hatte nichts gehört und wandte ihm den Rücken zu. 

Just in diesem Moment war Mrs. Wynona Featherwick in den Salon getreten und hatte bemerkt, dass ihrem Gast das servierte Getränk nicht behagte. Sie trat zu Mr. Gordon, der am Büffet das nächste Tablett zusammenstellte. »Gordon, was haben Sie soeben an Tisch Nummer 24 serviert?«, fragte sie mit einer Strenge, die den Mann aufhorchen ließ. Dieser harte Ton wurde normalerweise nicht ihm zuteil, sondern Angestellten, die weit unter ihm standen. Nicht einmal das Morgenlicht konnte das bösartige Aufblitzen des Granatschmuckes auf der hochgeschnürten Brust der Hotelchefin abmildern. 

»Ma’am, ich habe dort Darjeeling serviert, wie jeden Morgen.«

»Aber nicht jeden Morgen spuckt Mr. Richard Varick junior unseren Darjeeling aus«, entgegnete sie scharf, worauf Gordon sich erschrocken nach besagtem Gast umwandte. Dieser warf ihm einen Blick zu, als habe er ihn vergiften wollen, und Mr. Gordon beeilte sich, seiner Herrin zu dem Gast zu folgen. 

»Mr. Varick, es tut mir außerordentlich leid, dass Ihnen ausgerechnet in meinem Hause etwas nicht schmeckt«, raunte sie ihm untertänigst zu. 

Mr. Gordon verneigte sich so tief, dass er an der Teetasse schnuppern konnte, und verzog ebenso angewidert das Gesicht. Der feine Duft des Darjeelings konnte bei so genauem Riechen nicht den Geruch überdecken, der Mr. Gordon an etwas erinnerte... Vor seinem geistigen Auge tauchte Miss Laura auf, die in der Küche mit einer leeren Wärmflasche auf den Knien gesessen hatte. 

»Ein grässliches Versehen, mein Herr. Ich bitte Sie untertänigst, dies zu entschuldigen.« Mit spitzen Fingern räumte er ab. Und während Mrs. Featherwick sich mit ausgesuchtester Höflichkeit bemühte, den Schaden wieder gutzumachen, indem sie Mr. Richard Varick junior sofort einen neuen Tee, dazu eine Auswahl an Gebäck anbot, stürmte Mr. Gordon in die Küche. Dort war aber nicht die Urheberin seiner Blamage. Obwohl es männlichen Angestellten streng verboten war, in die Zimmer der Dienstmädchen zu gehen, drang er dort ein ohne anzuklopfen und fand Anne Bowler im Bett mit der fatalen Wärmflasche. 

»Wo! Wo ist Laura!«, herrschte er sie an. Anne hatte sich erschrocken die Bettdecke vor die Brust gezogen und starrte ihn nur mit schreckensweiten Augen an, kaum eines Wortes fähig. »Im Dienst!«, stammelte sie schließlich. Gordon lief davon, die Tür ließ er offen stehen, doch dann besann er sich und ging zurück. »Du kommst ins Büro der Herrin! Und wehe, du sagst auch nur ein Sterbenswörtchen. Wehe!«, knurrte er. »Du bist ohnehin erledigt. Du und deine saubere Freundin Laura!«

Auch als Gordon schon längst gegangen, seine zornigen Schritte auf den Dielen verhallt waren, starrte Anne noch immer zur Tür, schluchzend und zitternd. Der Moment, vor dem sie sich seit Wochen gefürchtet hatte, stand wohl unmittelbar bevor. 

 

a

 

Zur selben Zeit näherte sich der Rechtsgelehrte Mr. Archibald Fairbanks dem Hotel, in der Hoffnung, seinen Auftrag, den er in diesem so überaus unenglischen Land zu erfüllen hatte, heute zu Ende zu bringen. Drei ganze Wochen suchte er bereits nach den Nachkommen von Mr. Daniel Branwick - es war die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Im Hafen von New York hatte er glaubhaft versichert, dass er auf keinen Fall beabsichtige, hier zu bleiben. Die Glaubwürdigkeit gelang auch deshalb so vollkommen, weil er von einem früheren Besuch längst wusste, was ihn in Amerika erwartete. Er war nicht erpicht darauf gewesen, den letzten Willen seines Mandanten zu erfüllen, aber immerhin hatte Daniel Branwick Schifftickets für die erste Klasse spendiert und in seinem Testament großzügige Spesen einkalkuliert, was Mr. Fairbanks ein wenig tröstete. Trotzdem fand er, dass derartige Anstrengungen seinem altersschwachen Herz nicht zuträglich waren. Er nahm seinen Zylinder ab, tupfte sich mit seinem Taschentuch die Schweißperlen von der Stirn und strich sein weißes Haar hinter die Ohren. 

 

Die Behörden hatten ihm nur demonstrativ widerwillig Auskünfte erteilt; ausschließlich Dollars hatten sie dazu bewegen können, in ihren Akten zu blättern und ihm mitzuteilen, dass die Menschen, die er suchte, bereits verstorben waren. Die Auskunft, dass es eine Nachfahrin gab, hatte extra gekostet, ebenso das Original der Geburtsurkunde. Die Suche nach dem Mädchen führte ihn in ein Waisenhaus, eine Wollspinnerei, diverse Herrenhäuser, wo das Mädchen gearbeitet hatte, und schließlich hatte ihm jemand die Adresse des Hotels Savoy auf einen Zettel gekritzelt, vor dem er nun stand, und an der prächtigen Fassade hinaufschaute. 

 

Hinter der Fassade, genauer gesagt im Büro der Mrs. Wynona Featherwick, saß ebendiese an ihrem Schreibtisch, dessen Marmorplatte, gestützt von geschnitzten Adlern, kaum sichtbar war unter all den Dokumenten, Papieren, leeren Kaffeetassen und Gin-Gläsern. Gordon wagte nicht, sich direkt neben seine Herrin zu stellen, hatte sich aber so am Schreibtisch platziert, dass auch er die beiden Übeltäterinnen mit der gebotenen Verachtung fixieren konnte: Anne Bowler und Laura Branwick. Anne war ganz in sich zusammengesunken und wünschte sich sehr weit weg. Laura war in Kampfstimmung: »Ich konnte nicht wissen, dass er das Wasser für den Tee für den Sohn des Bürgermeisters von New York haben wollte. Ich habe ihm gesagt, dass ich das Wasser für Annes Wärmflasche brauche. Er meinte nur, er bräuchte es dringender. Wer bin ich, dass ich ihm widersprechen dürfte?« 

»Du hättest mir sagen müssen, dass du dieses verdammte Wasser schon zum wievielten Male für die Wärmflasche für diese Flittchen benutzt.«

»Natürlich benutze ich dasselbe Wasser immer wieder«, entgegnete Laura kühl. Und zu ihrer Herrin gewandt fügte sie hinzu: »Wir gehen sehr gewissenhaft und sparsam mit allem um.«

Leider konnte dies die Herrin nicht beeindrucken. Ihre Augen wurden schmal, als sie nach dem Grund für die Wärmflasche fragte, doch bevor Anne oder Laura etwas erwidern konnten, winkte sie verächtlich ab. »Ich weiß schon, das kleine Flittchen ist schwanger.«

»Anne ist kein Flittchen; Mr. Gordon ist ein Flittcher! Anne ist schwanger von ihm. SEHR unfreiwillig, das kann ich Ihnen sagen. Auf dem Wäscheboden hat er ihr aufgelauert und sie vergewaltigt. So! Jetzt wissen Sie’s!« Laura stand da mit verschränkten Armen und schaute Mr. Gordon herausfordernd an. 

»Ich dulde solche Reden nicht in meinem Haus!« Mrs. Featherwick war aufgesprungen, ihre Stimme schrillte durch den Raum und konnte Mr. Gordons unbeteiligtem Gesicht noch immer keine Regung entlocken. 

»Aber solche Taten!«, fauchte Laura, denn sie wusste, dass sie ohnehin nur noch wenige Augenblicke in diesem Hause hatten; da lohnte sich ein Abgang mit Fanfarenschall. 

In diesem Moment klopfte jemand an die Tür. »Jetzt nicht!«, rief Mrs. Featherwick, worauf sogleich ein zweites Klopfen ertönte. Mrs. Featherwick stöhnte enerviert auf. War das am Ende doch ein Gast? Sie sammelte sich, strich kurz über ihre schwarze Seidenbluse und den dunklen Rock, schaltete auf ihre »Gästestimme« um und rief: »Herein!«

In der Tür sah sie einen älteren Herrn, dessen eindeutig englisches Aussehen ihr wenig angenehm war. 

»Verzeihen Sie bitte die Störung«, sagte er im besten britischen Akzent, »mir wurde gesagt, dass ich hier Miss Laura Branwick finde.«

»Worum geht es?«, fragte Mrs. Featherwick. 

»Sind Sie Miss Laura Branwick?«, fragte der Mann im Näherkommen zurück, wobei er seinen Spazierstock in ihre Richtung schwenkte. Dies wies die Dame des Hauses weit von sich. Laura räusperte sich ein wenig und hob schuldbewußt die Hand. »Ich. Ich bin Laura Branwick.« 

»Miss Branwick, es freut mich sehr, Sie zu sehen«, sagte er und schüttelte ihre Hand. »Wenn ich mich kurz vorstellen darf, mein Name ist Archibald Fairbanks, Notar. Ich möchte Sie gerne in einer dringenden privaten Angelegenheit sprechen. Wenn möglich unter vier Augen.«

»Natürlich, Mr. Fairbanks. Allerdings gehe ich nicht ohne meine Freundin Anne.« Laura legte ihren Arm um Annes Schultern. 

»Ganz wie Sie wünschen, Miss«, erwiderte er mit einer Verbeugung.

»Darf die Herrin dieses Hauses fragen, welcher Art diese ›private Angelegenheit‹ ist?«, ließ sich Mrs. Featherwick vernehmen, denn sie spürte, dass die Situation ihr entglitt. Mr. Fairbanks wandte ihr seine volle Aufmerksamkeit zu, schenkte ihr sogar ein verbindliches Lächeln. »Mylady, die privaten Angelegenheiten von Miss Branwick sind... ähem, privater Art. Wenn Sie uns jetzt bitte entschuldigen wollen.« Er wandte sich an Laura und Anne: »Ich konnte nicht umhin, mit anzuhören, dass Sie in diesem... Etablissement gewisse Schwierigkeiten haben«, sagte er mit einem Seitenblick auf Mr. Gordon. »Daher schlage ich vor, sie packen Ihre Sachen und kommen mit mir. Ich erwarte Sie unten in der Eingangshalle.« 

Und noch ehe Mrs. Featherwick und Mr. Gordon ihre Fassung wiedererlangt hatten, um einzuschreiten, hatte Mr. Fairbanks den jungen Damen die Tür mit einer Verbeugung geöffnet und hinter sich wieder geschlossen. Bei seinem letzten Blick auf die Herrschaften hatte er sich ein sehr britisches Lächeln nicht nehmen lassen. 

 

Es dauerte nicht lange und die beiden Frauen standen in ihren Sonntagsmänteln, Hüten und Sommerhandschuhen, jede einen Koffer in der Hand, vor Mr. Fairbanks. 

»Ich würde Sie gerne zu einem Essen einladen. Nicht hier, sondern in einem Restaurant, in dem ich in den letzten Tagen gut und gerne gespeist habe.« Die beiden Frauen schauten einander an. Ihre Blicke sagten deutlich, dass sie sich in der Zwischenzeit über ihn unterhalten hatten. »Wer genau sind Sie und was wollen Sie von mir?«, fragte Laura. 

»Verzeihen Sie mir. Ich kann verstehen, dass eine wohlerzogene junge Dame (hier sah Mr. Faribanks eine Augenbraue undamenhaft nach oben schnellen) wissen muss, mit wem sie es zu tun hat. Ich bin der Notar Ihres Onkels Daniel Branwick. Er ist im März verstorben - mein Beileid! - und hat Ihnen sein gesamtes Vermögen vermacht, wozu ich Ihnen gratuliere. Dass ich erst jetzt vor Ihnen stehe, hängt damit zusammen, dass ich die schlimmsten Frühjahrsstürme abwarten wollte, um nach Amerika zu reisen. Außerdem hat sich die Suche nach Ihnen als sehr schwierig und langwierig erwiesen. Ich bitte Sie, mir zu verzeihen, dass Sie nicht schon vor Monaten in den Genuss dieses Vermögens gekommen sind.«

Laura und Anne schauten einander mit großen Augen an und holten tief Luft; Laura hatte sich als Erste wieder gefangen: »Da gibt’s doch sicher einen Haken!«

»Den Haken würde ich gerne in Ruhe besprechen. Wenn Sie mir bitte folgen möchten?«