Leseprobe "Kreuz und Sonne" Band 1

Hanna hatte kein gutes Gefühl, als sie in die Hazelroad einbog. Es war eine Gegend mit heruntergekommenen Reihenhäuschen, in deren ver­wahrlosten Vorgärten nicht minder verwahrloste Kinder spielten. Einmal mehr bereute sie es, sich bei dieser studentischen Arbeitsvermittlung gemeldet zu haben. Aber sie war auf das Geld angewiesen, und so lange sie nichts anderes fand, mußte sie wohl oder übel an immer neuen Ar­beitsstellen ihr Geld verdienen. Natürlich hatte sie auch Stellen gehabt, an denen sie gerne länger geblieben wäre, doch in der Regel wußte sie nicht, auf welches Abenteuer sie sich einließ, wenn sie wieder einen neuen Job bekam.

 

In der Vermittlung hatte sie noch einmal nachgefragt, ob es wirklich die Hazelroad Nummer fünf sein sollte, denn dort wohnten nicht gerade Leute, die einem so ohne weiteres einen Stundenlohn von zehn Pfund anboten. Ein Privathaus, kein Büro!

 

»Es ist eine süße alte Dame, die noch ältere Handschriften hat und sie von dir kopiert haben möchte. Morgen, vierzehn Uhr, Hazelroad fünf«, hatte die Vermittlerin geantwortet.

 

Es war schon kurz vor zwei. An den meisten Häusern suchte sie vergeblich nach einer Hausnummer. Gesichter verschwanden hinter Vor­hängen. Mit ihrer runden Nickelbrille, der Baskenmütze und dem Duf­flecoat fiel sie in dieser Gegend auf wie ein bunter Hund. Sie fühlte sich unwohl inmitten dieser Armut, denn sicher hatte hier niemand auch nur die Möglichkeit gehabt, eine High-School oder gar eine Universität zu besuchen.

 

Auf der linken Seite sah sie die Nummern vier und sechs, dazwischen, etwas zurück­ge­setzt, ein Häuschen, das eher wie ein Holzschuppen anmutete. Der ein­setzende Regen verschleierte ihre Brillengläser. Sie blieb stehen, schob die Brille auf ihrer krausgezogenen Nase nach oben und versuchte, an dem Schuppen etwas zu erkennen, das eine Hausnummer sein könnte. Das war typisch für sie. Sie kam auf die absurdesten Ideen – eine Eigen­schaft, für die sie oft den Spott ihres Freundes Michael einzustecken hatte, der als Student der Wirtschaftswissenschaften über derartige Zweifel natürlich erhaben war. In einem solchen Schuppen konnte niemand wohnen, niemand, der alte Pergamente besaß, für deren Kopie er zehn Pfund in der Stunde bezahlte. Glücklicherweise dachte sie in diesem Augenblick nicht an Michael, denn sonst hätte sie die kleine Fünf, die schief neben der Tür hing, vermutlich nicht gesehen. Aber die Fünf hing dort – unverkennbar. Zögernd ging Hanna durch den Garten, dessen Wildheit doch ein gewisses System erahnen ließ, denn zu beiden Seiten standen sich jeweils die gleichen Bäume und Pflanzen gegenüber, von denen Hanna allerdings die wenigsten mit Namen kannte.

 

Die Hütte stand wohl nur noch deshalb, weil sie zwischen den beiden Apfelbäumen keinen Platz zum Umfallen fand. Fensterläden hingen lose über zerbröselndem Mauerwerk, das von dem Sturzbach aus der ka­putten Regenrinne immer weiter ausgehöhlt wurde. Auch die Reihen der Dachziegel waren unvollständig, wie Hanna mit einem vorsichtigen Blick bemerkte. Es gab keine Klingel, sondern einen Türklopfer in Form eines Tieres mit langer spitzer Schnauze und großen Reißzähnen. Dieses imposante Utensil wollte kaum zum übrigen passen, denn Hanna hoffte, das Gebäude durch ihr Klopfen nicht zum Einsturz zu bringen. Sie klopfte zunächst nur ganz zaghaft. Das Geräusch hallte wider, als ver­berge sich hinter der Tür ein riesiger Saal. Als eine Tür schlug, wehten hinter den blinden Scheiben zerschlissene Gardinen. Schlurfende Schritte wurden langsam lauter. Endlich hatten die Gänsehaut auf Hannas Körper ihren Höhepunkt und die Schritte die Tür erreicht. Ein schwerer Riegel wurde beiseite geschoben, worauf sich die Tür knarrend öffnete. Hanna hielt die Luft an. Was für einem Menschen mochte sie nun gegenüberstehen?

 

Das vertrauenerweckende Gesicht einer freundlichen älteren Dame kam zum Vorschein und bewegte Hanna mit einem verbindlichen Lächeln zum Eintreten. Hanna war so verwirrt beim Anblick der Lady, daß sie gar nicht hörte, wie sie sie begrüßte und um ihren Mantel bat. Es war in der Tat eine Lady. Ihr Haar war von leuchtendem Weiß. Als sie sich umwandte, um den Mantel aufzuhängen, sah Hanna, daß es auch sehr lang sein mußte, denn es war im Nacken zu einem ebenso ansehn­lichen wie kunstvollen Knoten zusammengesteckt. Ihre Kleidung war zwar in keinem Modemagazin zu finden, nicht einmal in vergilbten Erstausgaben, aber von einer gepflegten Nachlässigkeit, die verriet, daß es für diese Dame wichtigere Dinge gab.

 

»Guten Tag!«, sagte Hanna etwas verlegen, während sie sich noch mit leicht eingezogenem Kopf in der Eingangshalle umschaute: Es gab viele Türen, großartige Treppen mit dicken Teppichen, der Fußboden war mit solch kostbarem Parkett ausgelegt, daß man sich fast scheute, ihn zu betreten, und die hohe Decke endlich wurde von glänzenden Marmor­säulen getragen.

 

Hanna stand noch da mit offenem Mund, um sich den Stuck und die großen Vasen anzusehen, da hörte sie die Stimme der Frau. Sie war bereits hinter einer der vielen hohen Türen verschwunden, und Hanna, die noch einen letzten zweifelnden Blick auf die mächtige Eingangstüre warf, beeilte sich, ihr zu folgen.

 

Die Dame führte sie in eine Art Studierzimmer, wo ein gewaltiger Schreibtisch am Fenster stand, von dem aus Hanna in einen jener weit­läufigen Landschaftsgärten blickte, wie man sie vor langer Zeit angelegt hatte. Der große Raum lag im Zwielicht, nur auf den Schreibtisch fiel das Tageslicht. Die Lady hieß Hanna dort Platz nehmen. Dann schob sie für sich selbst einen kleinen Schemel zum Schreibtisch. Bevor sie sich setzte, holte sie aus einer ledernen Kartusche ein aufgerolltes Pergament, das sie vor Hanna ausbreitete.

 

»Das soll ich kopieren

 

Die Dame überhörte geflissentlich das Entsetzen in Hannas Stimme, nickte ihr nur lächelnd zu und holte weitere Utensilien aus den Schub­laden dunkler Eichenschränke.

 

Hanna schaute resigniert auf das Blatt, das sie kopieren sollte – mit der Hand! Es sah aus wie ein Himmel bei Sturm, Regen und Sonnenschein gleichzeitig: Hier wild aufgetürmte Wolken, von Blitzen durchzuckt, dort Regengüsse, die in Nebelschwaden übergingen, und schließlich feine Schleierwolken, durch die das Licht brach. Je länger sie das Blatt betrachtete – die Dame hantierte noch immer im Hintergrund – um so mehr erahnte sie in den Wolken, Nebelschwaden und dem Regen die Gesichter von Menschen und … einen Falken, dessen spitz zulaufende Flügel mit den Wolken verschmolzen.

 

Nun trat die Dame wieder an den Schreibtisch. Verschmitzt sah sie Hanna von der Seite an.

 

»Hören Sie, Misses …«

 

»Oh, entschuldigen Sie, Miss Roberts, ich habe mich gar nicht vorge­stellt, O’Malley ist mein Name.«

 

»Hören Sie, Misses O’Malley, warum legen Sie dieses Blatt nicht auf einen Scanner? Ich habe einen sehr guten zur Verfügung. Und der Drucker im Büro ... ist ... auch …«

 

Die Worte blieben ihr im Halse stecken, als sie beobachtete, wie die Lady unbeirrt fortfuhr, mit einem kleinen Messer Federn zu spitzen und eine schwarze, bröckelige Substanz in Wasser zu Tusche auflöste. Ver­stohlen sah sie auf ihre Armbanduhr. In drei Stunden fuhr der nächste Bus zurück. So lange würde sie mindestens hier bleiben müssen.

 

»Möchten Sie etwas trinken, Miss Roberts

 

Hanna nickte nur und starrte auf die Federn. Nachdem die Dame ver­schwunden war, wagte sie, eine der Federn in die Hand zu nehmen. Vorsichtig tauchte sie die Spitze in die Tusche und sah, wie ein dicker Tropfen der schwarzen Flüssigkeit von der Feder fiel. Sie streifte etwas von der Tusche am Rand des Glases ab, vergewisserte sich, daß nichts mehr tropfen konnte und zog eine Linie auf das frische Pergament, deren Feinheit und Anmut sie erstaunte.

 

»Oh, Sie haben schon begonnen – mit dem Flügel des ersten Falken.«

 

Verwirrt schaute Hanna auf die Linie und dann wieder auf das Perga­ment. Tatsächlich wies ihre Linie denselben Schwung auf, wie der Flügel des Greifvogels.

 

»Wieso des ersten Falken? – Gibt es denn noch mehr

 

»Oh, ja. Dieser Falke ist der erste. Es ist natürlich ein Weibchen. Sie heißt Fatima. Suchen Sie die anderen

 

Hannas Augen suchten das Pergament ab. Waren die Vögel dort in den Wolkenbergen oder in den Schleierwolken, die so sanft das Ende des Sturms ankündigten?

 

In den beiden unteren Ecken, im Regen und im Sonnenschein, ent­deckte Hanna die beiden anderen Falken fast gleichzeitig.

 

»Hier, diese beiden

 

»Ja, das sind sie. Drei Falken sind es im ganzen. Es ist gut, daß Sie zuerst den einzelnen Falken, die gute Fatima, entdeckt haben. Die beiden hier unten sind Firdes und Suleika. Sie gesellen sich zu Fatima, und so sind es drei Falken an der Zahl. – Ich werde Sie nun ganz allein lassen. Wie ich sehe, hatte ich ganz recht mit meiner Wahl«, sagte die Frau, während sie Krug und Glas neben Hanna abstellte und ihr einschenkte. Mit einer Handbewegung lud sie sie zum Trinken ein.

 

»Was ist das?« fragte Hanna, die diesen Geschmack noch nie ge­schmeckt hatte. Seltsam herb und süß zugleich, von einem fast schwar­zen Rot.

 

»Es ist Holundersaft.«

 

Die Frau verschwand nun, Hanna sah sich allein in dem dämmrigen Arbeitszimmer, betraut mit einer geradezu bizarren Aufgabe und bewir­tet mit einem doch sehr merkwürdigen Getränk.

 

Sie tauchte noch einmal die Feder in die Tusche und begann, die son­derbaren Linien aufs sorgfältigste nachzuzeichnen. Feine kurze Linien schlangen sich ineinander und ergaben ein filigranes Gitter wie bei einem Kupferstich. Doch bestand dieses Gitter bei genauerem Hinsehen – aus Buchstaben! Sie versuchte, die Wörter zu lesen, doch erst beim Schreiben eröffnete sich ihr der Sinn:

 

Der Druide Cathbad pfiff immer eine bestimmte Melodie, wenn er sich der Hütte seines Freundes Art näherte. Wegen des weiten Weges besuchte er ihn nicht sehr oft, zumal Art sich als Mönch in die Einsam­keit zurückgezogen hatte, um nicht gestört zu werden. Auch aus diesem Grund pflegte Cathbad sich mit einem Lied anzukündigen, denn Art war furchtbar erschrocken, als Cathbad zum ersten Mal in der Tür seiner Hütte gestanden hatte. Nun war es bereits stockfinstere Nacht, als sich der Druide pfeifend näherte. Entgegen seiner Gewohnheit hatte er dies­mal erst sehr spät aufbrechen können. Obwohl er sich bemüht hatte, so schnell wie möglich zu gehen, war ihm die Strecke diesmal länger als sonst erschienen. Zum einen spürte er nun, daß er nicht mehr der Jüng­ste war, zum anderen beschwerte ihn ein Gegenstand, den er in der Tasche trug. Doch lastete das Gewicht des Gegenstandes weniger auf seinem Körper denn auf seiner Seele. Wie sollte er es Art beibringen? Wie sollte er es ihm sagen?

 

Da kam ihm der Mönch auch schon mit einer Fackel entgegen: »Cathbad, ich grüße dich, mein Freund! Wie kommt es, daß du heute erst zu so später Stunde bei mir ankommst

 

»Sei gegrüßt, Art, Bruder!« Sie umarmten sich, wobei Art feststellte, daß Cathbad ihn ungewöhnlich lange und innig festhielt, als wolle er sich seiner Freundschaft vergewissern. Schweigend gingen sie zurück zur Hütte. Es bedurfte immer einer Weile, bis sie wieder miteinander sprechen konnten nach ihren langen Trennungen. Vor zwanzig Jahren, als Art sich aus der Druidenschule, die sie gemeinsam besuchten, verab­schiedet hatte, um zum Christentum überzutreten und schließlich als Einsiedler zu leben, hatten sie sich gegenseitig mit Fragen bestürmt. Die gemeinsame Schulzeit, der Eintritt des einen in eine Welt, die der des anderen zunächst sehr ähnlich schien, das alles hatte den jungen Män­nern Gesprächsstoff gegeben. Oft war Cathbad mehrere Tage, sogar Wochen geblieben. Manchmal hatte Art sich nach Fedelma, einer ehe­maligen Mitschülerin, erkundigt. Mit den Jahren hatte sich ihre Freund­schaft verändert: Sicher, sie war noch immer sehr innig, und es gab nichts, was nicht einer dem anderen hätte sagen können, doch zuweilen spürten sie, daß sie auf einer bestimmten Ebene auseinanderdrifteten. Zunächst hatten sie viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Druidentum und dem Christentum festgestellt: Sie glaubten beide an einen unsicht­baren Gott, an die Unsterblichkeit der Seele. Aber immer öfter hatten sie gespürt, daß es zwischen ihren Religionen unvereinbare Gegensätze gab. Dabei waren sie sehr behutsam miteinander umgegangen. Cathbad akzeptierte Arts Entscheidung, und Art hätte niemals versucht, Cathbad zu missionieren oder ihm auch nur aus der Schrift vorzulesen, wenn er ihn nicht darum gebeten hätte, was er aber niemals tat.

 

Die unvereinbaren Gegensätze, die sie beide bisher nur geahnt hatten, waren nun in Cathbad Gewißheit geworden. Zuweilen hatten sie früher schon über Gewalt in ihren Religionen gesprochen. Cathbad verteidigte entschieden die Menschenopfer, die den Göttern dargebracht wurden und  war auch selbst ein hervorragender Schwertkämpfer, der aus man­chem Zwist siegreich hervorgegangen war. Bruder Art entsetzte sich darüber und sprach von Feindesliebe und Vergebung. Cathbad war von der Ehrlichkeit Arts überzeugt, doch nicht von der Ehrlichkeit aller Menschen, die sich Christen nannten. Gab es in dieser Religion nicht auch Gewalt? Eine verschwommene, subtile Art von Gewalt, die zwar nicht in die Körper der Menschen drang, sondern in ihre Seelen? Nur zu gut erinnerte sich Cathbad an einen Prediger, der von ewiger Verdamm­nis und Höllenfeuer gesprochen hatte. Nur zu gut erinnerte er sich an die Angst auf den Gesichtern der Menschen.

 

Die Gegensätze, die Cathbad gespürt hatte, standen ihm nun deutlich vor Augen. Trotzdem wollte er die Hoffnung nicht aufgeben, daß es vielleicht noch Möglichkeiten eines friedlichen Zusammenlebens geben könnte. Doch schien ihm diese Hoffnung verschwindend gering ange­sichts seiner jüngsten Erlebnisse.

 

Als sie in der Hütte angekommen waren, rührte Cathbad das angebo­tene Essen kaum an, sondern zog alsbald den Gegenstand unter seinem Umhang hervor, der in den düsteren Rauchschwaden der Hütte kaum zu erkennen war. Rechteckig, etwa so groß wie zwei Handflächen und gut drei Daumen dick war dieses Ding, über das sich nun Art interessiert beugte. Er rückte den Holzklotz, auf dem er saß, etwas näher an die Feu­erstelle und griff nach dem Gegenstand, den ihm sein Freund hinhielt. »Was ist das?« fragte der Druide mit leisem Zittern in der Stimme.

 

»Bei allen Heiligen, Cathbad! Das ist ein Buch

 

»So viel habe ich über euch Christen schon erfahren, um zu wissen, daß es ein Buch ist. Ich will wissen, was darin geschrieben steht.«

 

»Woher hast du es

 

Cathbad sah hinaus in die Nacht. »Es gehen im Moment Dinge vor sich, Art, über die ich keine Macht habe.«

 

»Was geschieht? Sprich! Du bist der Einzige, der mich zuweilen besucht. Du warst lange nicht da, und ich weiß nicht, was in der Welt vor sich geht.«

 

»Ich sagte dir, daß ich über diese Geschehnisse keine Macht habe, und im Rat will man meine Stimme nicht mehr hören, obwohl ich ein Wissender bin und damit zum höchsten Rang der Druiden zähle. Vor allem die vates, also die Seher und Weissager unter den Druiden, haben sich zusammengeschlossen um eine Handvoll Wissende, die offensicht­lich alles, was sie je gelernt, vergessen haben. Viele haben sich so sehr verändert, daß ich sie kaum wiedererkenne, Männer und Frauen, die früher so besonnen waren … Es tut mir leid, und ich bitte dich dringend, hier in Sicherheit zu bleiben.«

 

Art versuchte, nicht beunruhigt zu klingen, als er sagte: »Es kann so schlimm nicht sein. Druiden und Mönche haben immer recht friedlich miteinander gelebt.«

 

»Allmählich verdrängen uns die Christen. Du erinnerst dich sicher an Tuan mac Cairill. Er ist einer der Wissenden, die die vates und das ein­fache Volk aufhetzen. Er war der Lehrer des Provinzkönigs Craig Deal­gan und ist nun sein Berater. Er sieht, daß viele Stammesfürsten ihre Kinder von Mönchen erziehen lassen. Dadurch werden diese Brüder später, wenn die Kinder erwachsen sind und über ihr Land bestimmen, Einfluß haben auf die Geschicke dieses Landes, indem sie die neuen Herrscher beraten. Weit mehr als die Hälfte der Stämme wird christlich erzogen.«

 

»Aber was ist mit den fili, das waren doch die Dichter und Barden, wenn ich mich recht erinnere.« warf Art nun ein. »Hast du nicht gesagt, daß gerade die fili unter den Druiden der neuen Lehre gegenüber auf­geschlossen sind? Schließlich sind die fili nicht nur einfache Sänger, sondern die Philosophen unter den Druiden! Gilt ihr besonnenes Wort denn nicht mehr? Gerade sie sind doch immer eingetreten für ein Mit­einander, wie du mir berichtet hast

 

»Du hättest Tuan in der Versammlung hören sollen. Es sei kein Mitein­ander mehr, was die Christen anstrebten, sondern die alleinige Herr­schaft. Auch einfaches Volk, Sklaven, Hirten und Bauern waren zugegen, denen er die christliche Herrschaft in den schauerlichsten Farben schil­derte. Die aufgebrachten Leute griffen zu den Waffen und überfielen noch in derselben Nacht das Kloster Cill Toran. Sie haben alle Mönche erschlagen, gebrandschatzt und geplündert. Ich war am nächsten Tag dort.«

 

Er schwieg. Als der erbleichte Art ihm seine Hand auf den Arm legte, fuhr er leise fort: »Nicht einen Stein haben sie auf dem anderen gelassen. Unter den Trümmern fand ich dieses Buch. Jetzt weißt du es. – Weder kenne ich die lateinische Schrift, noch weiß ich die Bilder zu deuten, die in großer Kunstfertigkeit darin abgemalt sind. Sag mir, was darin ge­schrieben steht. Ich will mehr erfahren über euch Christen. Vielleicht gibt es für uns einen gemeinsamen Weg, den wir in Frieden beschreiten können.«

 

Art nahm das Buch in seine langen, schmalen Hände, die von dem harten Leben zeugten, das er führte. Einen solchen Schatz hatten seine Hände nur vor sehr langer Zeit berührt. Er selbst hatte sich eine Ab­schrift der Evangelien angefertigt, doch nur für seinen Gebrauch in der Einsiedelei. Er hatte sie nicht kunstvoll bemalt. Vorsichtig schlug er das Buch auf: »Es ist das Evangelium Ioannis: In principio erat Verbum, et Verbum erat apud Deum, et Deus erat Verbum.«

 

»Kannst du es ins Gälische übersetzen

 

»Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.«

 

»Am Anfang war das Wort«, wiederholte der Druide nachdenklich. »Wie kann allein das Wort am Anfang stehen? Und überdies, an wel­chem Anfang? Ein Wort ist Geist, aber wie könnte der Geist existieren, ohne die Materie

 

»Der eigentliche Sinn des Wortes, das im Griechischen logos heißt, ist Verhältnis. Das bedeutet, daß am Anfang für Gott die Möglichkeit bestand, mit dem Menschen in ein Verhältnis zu treten. Er hat diese Möglichkeit genutzt. Er macht eine Bewegung auf uns zu, die wir Men­schen weiterführen sollen

 

»Aber wenn dieses Wort wirklich bei Gott und dieser Gott das Wort war, wie kann es ein Mensch wagen, dieses Wort, das Gott ist, in die Schrift zu bannen? Wenn es wirklich ein Verhältnis sein soll, wie kann es dann in die tote Schrift gebannt werden? Ist das Leben dieses Verhält­nisses dadurch nicht schon im Keim erstickt? Mir scheint, deine Lehre ist starr und fest, sie läßt keine Entwicklung zu. Für dich ist Gott das Sein. Für mich ist Gott das Werden. Du weißt, daß wir Druiden auch unsere Schrift haben. Wir benutzen sie zum Beispiel, um magische Formeln aufzuschreiben, aber niemals würde ich es wagen, einen Namen meines unbenennbaren Gottes aufzuschreiben. Mir ist, als tötete ich ihn da­durch, denn was geschrieben steht, ist unveränderbar erstarrt. Niemals würde ich den Fluch über einen Menschen in einen Ast ritzen, denn niemals könnte ich diesen Fluch wieder aufheben.«

 

»Die Schrift ist nicht tot, wie du glaubst. Sie ist wiederbelebbar. Sie verlebendigt sich überall dort, wo Menschen in der Schrift lesen. Dann wird das Verhältnis, das Gott am Anfang zu den Menschen aufgebaut hat, weitergeführt. In der Bibel ist dieses Verhältnis für jedermann zu­gänglich. Vom Mittelmeer bis nach Eire, ohne daß es verfälscht wird.«

 

»Bist du dir ganz sicher, daß die Schrift nicht verfälscht wird? Die druidische Lehre ist auch nicht verfälscht, aber sie ist bereit, sich zu ent­wickeln. Neues, das uns wichtig ist, wird eingewoben. Aber wenn ich dich richtig verstanden habe, dann ist die Schrift wie das Salz, das übrig­bleibt, wenn man Meerwasser trocknet. Wenn man wieder Wasser dar­übergießt, wird es wieder zu Meerwasser.«

 

»Ja, so könnte man es verstehen

 

»Es gibt vieles, was man über Salz gießen kann. Was dabei heraus­kommt, muß nicht immer Meerwasser sein.«

 

»Wie meinst du das

 

»Gieße frisches Brunnenwasser darüber, und dein Wort wird wieder lebendig. Gieße fauliges Wasser darüber und dein Wort wird gleichfalls faulig, sich im schlimmsten Fall sogar gegen dich wenden. Du sprichst von einer Bewegung, die Gott auf uns Menschen zumacht und die wir Menschen, das heißt die Christen, weiterführen sollen. Woher weißt du, daß alle Menschen diese Bewegung nachvollziehen, wie Gott sie be­gonnen und gemeint hat? Durch die Schrift ist die Lehre allen zugäng­lich, die des Lesens mächtig sind. Doch du kennst diese Menschen nicht. Die Männer und Frauen von denen die Texte stammen, kennen die Menschen nicht. Du weißt nicht, was andere über dein Salz gießen. Wir geben unsere Lehre nur mündlich weiter, an Männer und Frauen, die wir genau kennen. Wir bilden nicht nur ihren Kopf, sondern auch ihr Herz. Wir flößen ihnen frisches Meerwasser ein. Wir trennen nicht das Salz vom Wasser. Selbst die magischen Formeln die wir aufschreiben, sind zwecklos und unwirksam, wenn sie nur gelesen werden. Man muß von einem Lehrer erfahren haben, wie man sie sprechen muß, damit sie ihre Wirkung haben in einer sich beständig wandelnden Welt

 

»Die Welt wandelt sich beständig, Gott aber ist der Ewige, der uns Halt und Sicherheit gibt.«

 

»Aber wie kann eine sich wandelnde Welt an einen starren Gott glau­ben? Deine Art zu denken, Bruder, ist nicht die meine! Aber ich fürchte, es wird mir nichts anderes übrig bleiben, als deine Denkweise zumindest nachzuvollziehen. Sonst bin ich verloren.«

»Nein, Cathbad. Du bist nicht verloren! Du Druide, du weit Sehender, ich hoffe inständig, daß dich deine Augen diesmal täuschen! Laß uns handeln. Laß uns aufbrechen. Wir beide könnten vielleicht Frieden stiften. Wir beide sind Freunde. Glaubst du nicht, wir könnten durch unsere Freundschaft auch andere überzeugen

 

 

 

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Gestaltung der Seite: Anja Zimmer; Fotos: Frank Glabian, Hans-Dieter Haas, Markus Lappe und Anja Zimmer

Aktualisiert am: 15.11.2017