Leseprobe Schnee über Devon

In den wirbelnden Flocken versuchte der Kutscher, die Pferde zu zügeln, doch sie wieherten auf und scheuten, als die Frau direkt vor ihnen auf die Straße stürzte. Offensichtlich war sie vor etwas - oder vor jemandem - geflüchtet. Den Pferden schoss der Atem aus den Nüstern, für eine Weile tänzelten sie auf der verschneiten Strasse, dann standen sie still.

„Um Himmels Willen, Paul, wenn nur den Gäulen nichts passiert ist“, jammerte die alte Mrs. Elridge, während sie behäbig aus der Kutsche stieg. Paul sprang vom Kutschbock und kniete sich zu der verunglückten Frau. Für einen Moment erstarb das vorweihnachtliche Leben. Die Carol-Singers, die von Tür zu Tür zogen, um sich Naschwerk zu verdienen, hielten inne und schauten hinüber zur Straße, wo sich rasch eine Menschentraube versammelt hatte. Nachkommende Kutscher und Reiter schimpften laut über das Hindernis auf der ohnehin schwer passierbaren Straße.

„Ist ein Doctor hier, der sich um die Frau kümmern kann?“ rief Paul und schaute in die Runde. „Nicht? Dann habt Ihr sicher alle noch jede Menge Weihnachtseinkäufe zu erledigen!“ Nun hatte auch Mrs. Elridge den Grund der Aufregung erkannt und schlug lamentierend die Hände vor ihre Brust.

Paul hatte den wollenen Umhang, in den sich die Frau eingehüllt hatte, zur Seite geschlagen.

„Schau nur, Paul, es ist eine junge Frau und ach - sie hat ein kleines Kind bei sich. Sie sind beide bewusstlos.“ Martha Elridge bückte sich und schlug der Frau sanft auf die Wange. „He, aufwachen, hören Sie mich?“ Doch die Frau gab keinen Laut von sich. Als ihr Kopf zur Seite fiel, sah Mrs. Elridge eine Blutlache, die sich im Schnee ausbreitete. Vorsichtig nahm sie der Frau das kleine Mädchen aus den Armen. Die beiden waren sehr einfach, aber ordentlich gekleidet. An ihren blauen Lippen konnte man erkennen, dass sie entweder schon lange draußen unterwegs waren oder in ihrem Heim kein Feuerholz hatten.

„Hilft denn keiner? Ist kein Arzt hier?“ Als sich keiner meldete, schob Paul seinen Kautabak in die andere Backe und hob die Frau vom Boden auf. Mrs. Elridge ging mit stakste zur Kutsche, um die Tür aufzuhalten. Während Paul die Frau in die Kutsche legte, sah Mrs. Elridge zu ihrer Erleichterung, dass das kleine Mädchen die Augen aufschlug.

„Bitte, helfen Sie uns, da ist jemand, der...“ flüsterte sie, dann fiel ihr Blick auf ihre Mutter, die bleich in der Kutsche lag.

„Mama?“

„Wir bringen dich und deine Mama jetzt zum Doctor. Der wird euch beide ganz schnell wieder gesund machen.“

Unter den Menschen, die sich wieder zerstreuten, war auch ein Gentleman, der seinen Zorn schluckte und ebenfalls seiner Wege ging. Er war sicher, dass seine Stunde noch kommen würde.

 

*

 

Auf halbem Wege zwischen den Städtchen Devon und Friarswell duckte sich Dr. Jefferson Worselys Haus zwischen hohe Erlen und Hecken. Das Schneetreiben ließ die Konturen des kleinen Landhauses kaum erahnen, doch aus den Fenstern drang Lichtschein und wies den Ankömmlingen den Weg.

Dr. Worsely, ein Gentleman in seinen besten Jahren, stand schon in der Tür, als Paul und Mrs. Elridge mit den beiden Patienten auf ihren Armen zu ihm kamen.

„Ich habe Ihre Kutsche gehört. Kommen Sie herein, schnell! - Mr. Hamilton, Mrs. Woodrow!“ rief er in den dämmrigen Flur hinein, woraufhin sein Butler und seine Haushälterin erschienen.

„Mr. Hamilton, sorgen Sie für Decken, Wärmflaschen und ernsthaften Tee.“

„Sehrwohl, Sir! Decken, Wärmflaschen und ernsthafter Tee.“

„Mrs. Woodrow, helfen Sie mir. Wir bringen die beiden ins Wohnzimmer, dort ist es warm.“

Sophie Woodrow hielt die Tür auf und rückte gemeinsam mit dem Doctor eine Chaiselongue näher ans Feuer.

Als Paul und Mrs. Elridge ihre Bündel darauf betteten, erkannte Dr. Worsely die beiden.

„Emily! Mrs. Summerset!“ rief er überrascht aus.

Die Kleine schaute ihn mit einer Mischung aus Angst und Hoffnung an; ihre Mutter war noch sehr benommen und hatte nur kurz die Augen aufgeschlagen.

„Sie kennen die beiden?“ wunderte sich Mrs. Elridge. Der Doctor bestätigte es mit einem kurzen Nicken und ergänzte: „Mrs. Angela Summerset und ihre Tochter Emily.“ Mr. Hamilton brachte die Decken und die Wärmflaschen. Dr. Worsely überließ es seiner alten Haushälterin Mrs. Woodrow, das Kind zu versorgen; er tastete behutsam den Kopf der jungen Frau ab und brummte zufrieden, als er keinerlei Brüche feststellen konnte. Das Blut an ihrer Schläfe hatte er schnell abgetupft und einen leichten Verband angebracht. Auch die Kleine war bis auf einen Kratzer an ihrer Hand unversehrt. Da erwachte die Mutter und wollt sich schon erheben, doch der Doctor drückte sie mit sanfter Gewalt zurück auf das Sofa.

„Dr. Worsely, bitte nicht. Sie wissen doch genau, dass ich Sie nicht bezahlen kann. Wenn Sie sich bitte nur um Emily kümmern...“

„Ich weiß, dass Sie mich nicht bezahlen können, aber glauben Sie, ich hätte Lust, mit meinem Gewissen zu bezahlen? Ich schenke Ihnen die Behandlung zu Weihnachten, und den Tee gibt es ohnehin gratis“, fügte er mit einem Zwinkern hinzu, denn soeben war Mr. Hamilton mit einem großen Tablett erschienen.

„Für das Kind habe ich eine heiße Schokolade gemacht, Sir.“

„Danke, Mr. Hamilton. Eine heiße Schokolade ist die beste Medizin. Ist vielleicht auch noch etwas Hühnerbrühe da?“

„Ja, Sir“, sagte Mrs. Woodrow. „In der Speisekammer in der roten Schüssel“, rief sie Mr. Hamilton noch hinterher, der schon auf dem Weg war, dann wandte sie sich wieder Emily zu und hielt ihr den Becher an die Lippen. „Vorsicht, heiß, Kleines. Aber das wird dir gut tun.“

Mrs. Summerset schaute dankbar hinüber zu ihrer Tochter, die auf Mrs. Woodrows Schoß saß und gerade mit einem Schokoladenbart aus der Tasse auftauchte

„Mrs. Summerset, können Sie Ihre Hände und Füße bewegen?“

Die Stimme des Doctors ließ sie zusammenzucken, dann prüfte sie die Beweglichkeit ihrer Glieder und nickte.

„Ich werde Sie jetzt abtasten, um sicher zu sein, dass Sie sich nichts gebrochen haben. Keine Angst, ich werde ganz vorsichtig sein.“

Angela Summerset wagte kaum zu atmen, als sie die großen Hände des Doctors auf ihrem Körper fühlte. Ihr Blick lag auf seinem bärtigen Gesicht, das sich über ihren Leib neigte. Noch nie hatte sie sein Gesicht, die Narbe auf seiner Wange, seine grauen Schläfen, so nahe gesehen. Wenn sie unter seinen Berührungen zuckte, entschuldigte er sich. Schließlich war er fertig und stellte zufrieden fest, dass nichts gebrochen war.

„Ein paar Prellungen, aber die sind nur schmerzhaft und heilen von alleine. Sie hatten Glück, dass die beiden dort sie zu mir gebracht haben“, sagte er und nickte zu Mrs. Elridge und Paul hinüber, die das Geschehen beobachtet und dabei in ihren Teetassen gerührt hatten. Paul nahm einen kräftigen Schluck, setzte dann die Tasse ab und rief: „Potzblitz! Das ist also ernsthafter Tee!“

Mrs. Elridge roch an ihrem Tee und schaute den Doctor mit unverhohlener Missbilligung an. „Das haben Sie wohl bei der Navy gelernt?“

„Tee mit Rum oder Rum mit Tee, je nachdem, was die Situation erforderte“, erklärte er. „Aber Sie sollten nicht mehr allzu lange verweilen, sonst wird der Reverend sich Sorgen machen, wo Sie mit seiner Kutsche bleiben.“

„Und der Schnee wird auch nicht weniger“, warf Paul ein.

„Ja, da haben Sie recht. Der Reverend ist zu freundlich, dass er uns die Kutsche für die Einkäufe leiht. Er ist immer so besorgt um meine Gesundheit. Und wenn ich ihm danke, behauptet er, es sei der reine Eigennutz, weil ihm mein Sonntagsbraten immer so gut schmeckt. - Aber wie soll es denn jetzt weitergehen, mit den beiden armen Würmchen?“ Sie schaute Mrs. Summerset an, die sich in der Wärme zusehends erholte. Auch die Hühnerbrühe, die Mr. Hamilton im feinsten Porzellan und mit eleganter Geste serviert hatte, weckte die Lebensgeister der jungen Frau.

„Mrs. Summerset, was ist passiert?“ fragte der Doctor so leise, als ahne er bereits, dass diese Wunde noch schmerzhafter war als die Prellungen.

„Wir wissen nicht wohin“, begann sie leise, dann nahm sie all ihre Kraft zusammen und erklärte sehr bestimmt: „Aber ich gehe nicht ins Arbeitshaus. Dort nehmen sie mir mein Mädchen weg. Nein, dorthin gehe ich auf keinen Fall. Auch wenn Sie dort die Zustände sicher erträglicher gemacht haben, Dr. Worsely, aber so tief möchte ich niemals sinken.“

Das Arbeitshaus war die unterste Stufe der Gesellschaft. Nur Huren, Bettler und Verbrecher standen noch tiefer. Das Arbeitshaus von Devon hatte Dr. Worsely gründlich reformiert, eine neue Vorsteherin gefunden und die katastrophalen Zustände, die unter dem alten Vorsteher geherrscht hatten, beseitigt. Die Eltern sahen ihre Kinder mindestens einmal in der Woche, wurden gut unterrichtet und ernährt; niemand wurde mehr schikaniert oder geschlagen, wie es in vielen anderen Arbeitshäusern gang und gäbe war.

„Sie könnten vielleicht bei...“, begann der Doctor und schöpfte Hoffnung, dass sie bei ihm bleiben würde, doch da fiel ihm Mrs. Elridge ins Wort: „Ich habe eine gute Idee.“ Sie richtete sich in ihrem Sessel auf und hätte vor lauter Begeisterung über ihren Einfall fast den Tee verschüttet. Mrs. Woodrow kniff die Augen zusammen, denn derart hohe Oktaven war sie in diesem Hause nicht gewöhnt. „Die beiden könnten doch bei uns bleiben“, zwitscherte Mrs. Elridge. „Ich werde den Reverend fragen. Jetzt, da er so kurz vor seiner Verlobung mit Miss Patricia Arlington steht, brauchen wir jede Hand im Haus.“

„Moment, Moment!“ Der Doctor hob die Hände. „Mrs. Summerset braucht Ruhe. Sie darf in den kommenden Monaten auf keinen Fall schwer arbeiten.“ Und zu Mrs. Summerset gewandt fuhr er fort: „Sie müssen erst wieder zu Kräften kommen. Sie sind vollkommen ausgezehrt. Sie müssen ruhen, viel schlafen und vor allem essen.“

„Sie haben doch sicher etwas gelernt, Kindchen?“ fragte Mrs. Elridge.

„Ich bin Näherin.“

„Ach, das wird ja immer besser!“ Mrs. Woodrow konnte nur hoffen, dass es nicht noch besser würde, denn ein noch höheres Gepiepe würde sie nicht ertragen.

„Nähen ist doch nicht anstrengend. Es gibt noch so vieles zu nähen. Was meinen Sie? Könnten Sie uns dabei helfen? - Wir wären Ihnen so dankbar!“

„Ja, sicher, gerne“, erwiderte Mrs. Summerset.

„Aber erst erholen Sie sich hier bei mir“, bestimmte der Doctor. „Zu seiner Verlobung an Weihnachten hat mich der Reverend ohnehin eingeladen, da werde ich Sie hinüberbringen. So lange sind Sie mein Gast.“

„Aber wäre das nicht unschicklich?“ wagte Angela einen letzten Einwand.

„Keine Sorge, Mrs. Summerset. Bei dem geringsten Anzeichen von Unschicklichkeit würde Mrs. Woodrow mich augenblicklich in Häppchen schneiden, nicht wahr, Mrs. Woodrow?“

„Und medium anbraten!“ bestätigte die Frau mit unbewegter Miene.

„Dann soll es so sein. Emily? Bist du auch einverstanden?“ fragte Angela ihre Tochter.

Emily, die nicht nur die heiße Schokolade, sondern auch die Hühnerbrühe genossen hatte und jetzt einen Keks aß, nickte strahlend.

„Es wird an Weihnachten eine Verlobungsfeier im kleinen Kreis geben. Im Sommer wird dann richtig groß geheiratet. Eine Hochzeit, wie Friarswell sie noch nicht gesehen hat.“ Die Vorfreude lag strahlend auf Mrs. Elridges Gesicht. „Sie kennen doch sicher auch den Spruch, der besagt, wenn man auf eine Hochzeit geht, gibt es bald eine nächste. Wie wäre es mit Ihnen, Dr. Worsely? Miss Arlington hat noch eine Schwester, die genauso hübsch ist wie sie selbst. Wird es nicht langsam Zeit für Sie? Die Dreißig haben Sie schon überschritten!“

„Ach, Mrs. Elridge, hören Sie auf. Die Dreißig habe ich vor sechs Jahren überschritten. Und wem soll ich denn schon gefallen? Ich bin ein alter, hässlicher Griesgram.“ Dabei machte er eine vage Handbewegung hin zu seiner Wange, die von einer in der Tat hässlichen Narbe entstellt und von dem dunklen Bart nur unzureichend verdeckt wurde. Aber Mrs. Elridge hörte gar nicht hin. „Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann! Ein so hübsches Haus, ein so gemütliches Wohnzimmer. Die dunkelgrünen Samtvorhänge sind so elegant. Aber so viele Bücherregale... Da könnte man doch schöne Porzellanfigurinen aufstellen. Jede Frau sollte sich glücklich schätzen, die Herrin dieses Hauses zu werden.“ Mrs. Elridges Blick verriet, dass sie im Geiste das ganze Zimmer umräumte. „Der Schreibtisch ist aber etwas zu wuchtig für die Ecke dort. Die Schnitzereien sind ja ganz hübsch, aber dafür sollten Sie doch einen anderen Ort finden, Doctor Worsely.“

Der Doctor wechselte einen kurzen Blick mit Mrs. Woodrow.

„Kommen Sie, ich bringe Sie zur Tür!“ knurrte Mrs. Woodrow und erhob sich, nachdem sie Emily abgesetzt hatte.

„Vielen Dank, das ist sehr freundlich von Ihnen. Paul, trinken Sie aus, wir sollten jetzt fahren. Auf Wiedersehen, Doctor; Mrs. Summerset.“ Angela nickte schwach. „Auf Wiedersehen, Mrs. Elridge und vielen Dank!“

„Auf Wiedersehen, meine Kleine!“

Nach wenigen Augenblicken erschien Mrs. Woodrow wieder und setzte sich seufzend zu Emily. Die Stille im Raum tat ihr wohl nach dem Geschnatter. Nur das Knistern des Feuers war zu hören, Funken stoben auf, als Mr. Hamilton Holz nachlegte.

„Übrigens Doctor, nur für alle Fälle möchte ich Ihnen mitteilen, wenn Sie wirklich eine Schwester dieser Miss Patricia Arlington heiraten sollten, die ebenso fabelhaft ist wie Patricia Arlington selbst, kündige ich. Und das gilt für jede Frau, die diese Mrs. Elridge für Sie anschleppen sollte.“

 

*

 

Das Feuer war heruntergebrannt, bis nur noch die Glut schimmerte, dann war alles erloschen. Nur der Mond goss sein bleiches Licht ins Zimmer. Dr. Worsely öffnete die Tür und schlich sich zu dem Sofa am Kamin, wo Angela und Emily scheinbar schlafend lagen, eng aneinandergeschmiegt. In seiner Hand hielt er eine kleine Schnur und eine Schere. Ganz leise näherte er sich den beiden, die friedlich atmeten. Seine Augen hatten sich schnell an die Finsternis gewöhnt, so dass er ihre Umrisse erkennen konnte. Angela war mit einem Schlag hellwach, als er sich über sie neigte, aber er konnte ihr Gesicht und ihre weit aufgerissenen Augen nicht sehen. In den letzten Monaten hatte sie zu viel Schlimmes erlebt, um sich nicht zu fürchten, wenn ein Mann ihr nahe kam. Krampfhaft kniff sie nun die Augen zusammen, doch die schrecklichen Bilder kamen wieder hoch. Musste sie nun wieder flüchten? Aber ausgerechnet vor Dr. Worsely, der immer gut zu ihr gewesen war? Den sie insgeheim verehrte? Konnte sich dieser Mann so weit gehen lassen, ihre Schutzlosigkeit auszunutzen? Was hatte er vor? Sollte sie schreien? Was würde dann passieren? Sie spürte, dass er ihr Haar berührte. Angela war so verwirrt, dass sie sich nicht regen konnte. Da hörte sie das Geräusch einer Schere. Er schnitt ein Stück von ihrem Haar ab! Und genau so leise wie er gekommen war, ging er wieder hinaus.

Angelas Innerstes war in hellem Aufruhr. Nie wieder würde sie in diesem Haus auch nur ein Auge zutun! Sie war heilfroh, dass Mrs. Elridge dafür gesorgt hatte, dass sie bald im Haus des Reverends arbeiten konnte.

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Gestaltung der Seite: Anja Zimmer; Fotos: Frank Glabian, Hans-Dieter Haas, Markus Lappe und Anja Zimmer

Aktualisiert am: 15.11.2017